Starkbierzeit in München
München hat bekanntlich mehr als vier Jahreszeiten – nein, nicht nur das Oktoberfest als gefühlte fünfte, sondern eben die Starkbierzeit. Jedes Jahr um den Gedächtnistag des Heiligen Josephs (19. März) öffnet der höchste Hügel der Stadt seine Pforten.
Der Salvatoranstich auf dem Nockherberg markiert den Beginn der bierseligen Zeit zwischen Fasching und Ostern. Es wird behauptet, die Mönche wollten sich die entbehrungsreiche Fastenzeit mit dem nahrhaften Malztrank buchstäblich versüßen. Gegner dieser Hypothese meinen schlicht, die Paulaner-Mönche feierten an Josephi den Namenstag ihres Ordensstifters – wenn auch über mehrere Tage und Wochen.
Die Starkbierzeit dauert vier Wochen und ist nicht zuletzt durch den Prominentenauflauf beim Politiker-Derblecken im Paulanerwirtshaus am Nockherberg ein gesellschaftliches Happening. Alle größeren Persönlichkeiten aus dem Polit-Establishment bekommen hier ihr Fett weg. Schauspieler Werner Lerchenberg ist seit dem Ausscheiden von Edmund Stoiber nur die Rolle des Fastenpredigers Barnabas geblieben. Zuvor hatte er seit 1989 den schwarzen Ede gegeben.
Weitere bekannte Starkbierstätten sind der Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz oder das Unionsbräu in Haidhausen. Wer hier zwei oder drei Mass stemmt, braucht womöglich Unterstützung beim Nachhausemarsch. Starkbier, oder Bockbier, darf sich nennen, was mehr als 16% Stammwürze enthält. Das entspricht einem Alkoholgehalt von über 6,5%.
Von Glück kann reden, wer da Maß halten kann. Selbst die Geistlichen haben da ihre Not. Seit Jahrhunderten brauten Ordensleute wohlschmeckendes Bier, das ihnen als köstliche Ergänzung zu den kargen Klosterspeisen diente. Auch während der strengen Fastenzeit musste den Mönchen daran gelegen sein, die wenige feste Nahrung, die sie zu sich nehmen durften, durch gehaltvolle Getränke zu kompensieren. Denn es galt die Regel: „Flüssiges bricht Fasten nicht!“.
Die kundigen Braumeister erkannten schnell, dass Bier angenehm sättigte, wenn man es nur stark genug einbraute. Zur Starkbierherstellung benötigten die Klöster eine gesonderte Genehmigung durch die kirchliche Obrigkeit. Und so füllte man ein Fässchen ab und schickte es zum Papst nach Rom. Dort angekommen, kostete das Kirchenoberhaupt den viel gelobten Trank und hatte keinerlei Bedenken, dass er dem Seelenheil der Mönche abträglich sei: Durch die lange Reise, den holprigen Transport über die Alpen und die südlichen Temperaturen war das Bier sauer geworden und hatte einen grauslichen Geschmack. In der Heimat schmeckte der Fastentrunk nicht nur den Mönchen. Die Kunde von den wuchtigen, malzbetonten Bieren hatte sich schnell herumgesprochen. Noch heute ist in Bayern in zahlreichen Brauereien und Wirtshäusern Starkbierzeit die schönste Zeit.
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von Christopher Willis
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