
Zwölf Böller und O´zapft is! In der Stadt herrscht Ausnahmezustand. Wenn über sechs Millionen Menschen meist in Dirndl und Lederhosen zum Oktoberfest strömen, auf Biertischen singen und tanzen und den Duft von süßen Mandeln und Steckerlfisch, der München überzieht, genießen.
Das größte Volksfest der Welt ist eine Show von Superlativen. Schrilles Flackern und lautstarke Musik begleiten die wilden Fahrgestelle. Schaurig-schöne Goldgräberstimmung verspricht die Wiesn-Neuheit Höllenblitz. Tollkühne trauen sich in den 50 m hohen Euro-Star, dessen Schienen unten statt oben befestigt sind, sodass man glaubt zu fliegen. Freunde des Bungee-Jumpings treibt es zum Freefall-Tower. Dort wird man 42 Meter hoch in die Luft geschleudert und rast dann im Sturzflug wieder auf die Erde zu. Wohl dem, der einen gesunden Magen hat.
Wer weniger auf den ultimativen Kick und stattdessen auf Originelles setzt, ist bei Manfred Schauers Theater „Auf geht’s beim Schichtl“ richtig aufgehoben. Seit 1869 bekommt man dort Kuriositäten wie die Enthauptung einer lebenden Person mit der Guillotine oder andere spektakuläre Zaubereien präsentiert.
Die Hitliste der 14 gigantisch großen Bierzelte führt das „Hippodrom“ an. Sehr beliebt nicht nur wegen der Promis und des höchsten Flirtfaktors ist dort die Champagner-Bar. Der „Schottenhammel“ fasst 10.000 Personen und ist berühmt für die traditionelle Blasmusik. Letztes Jahr wurden 61.000 hl Bier ausgeschenkt und eine halbe Million Hendl verzehrt. Die extrem hohen Bierpreise stören dabei niemand, sie liegen dieses Jahr bei rund 7,80 Euro pro Maß.
Das die Wiesn Oktoberfest heißt, aber im September beginnt, liegt daran, dass sie erstmals vom 12. bis 17. Oktober 1810 zu Ehren der Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Ludwig mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen stattfand. Krönender Abschluss war ein Pferderennen. Das Fest auf der Theresienwiese gefiel den Münchnern so gut, dass es in den folgenden Jahren wiederholt, aber witterungsbedingt in den September vorverlegt wurde.
Die Münchner verstehen es zu feiern, denn kaum ist die Wiesn vorbei, öffnet die Auer Dult ihre Buden und Fahrgestelle. Vom 20. bis 28. Oktober lädt die Kirchweihdult am Mariahilfplatz zum Bummeln ein. Möglichst viel Zeit sollte man für die Trödel- und Antiquitätenstände mitbringen. Ein hübscher Nachttopf aus König Ludwigs Zeiten liegt neben einem gusseisernen Bügeleisen, das sich herrlich als Deko oder als Gefäß für Herbstastern verwenden lässt.
Ein Unikum ist der Billige Jacob, der seine Waren für einen Euro anpreist. Antiquarische Bücher lassen sich ebenso aufspüren wie origineller Indianerschmuck, Heilkräuter und traditionelle Töpferkunst. Die köstlichen Zwetschgentaschen und heißen Dampfnudeln befinden sich bei den nostalgischen Karussells für die Kleinsten. Überhaupt ist die Dult eine Gemütliche. Kettenflieger, Autoscooter, Schießbuden und Pony-Reiten haben nichts gemein mit dem hektischen und lauten Treiben auf dem Oktoberfest. Vielleicht liegt es daran, dass es die Dult bereits seit 1310 gibt – ein halbes Jahrtausend früher als das Oktoberfest.
Von Karin Nagl
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