Künstler brauchen Skandale, um berühmt zu werden, Galeristen Vertrauen und Mut. 1909 stellte in der Theatinerstraße 7 die Moderne Galerie Thannhauser Werke der „Neuen Künstlervereinigung München“ aus. Zu ihr gehörten unter anderem Gabriele Münter, Wassily Kandinsky, Paul Klee, August Macke und Franz Marc. Die Presse schrieb: „Entweder ist die Mehrheit der Mitglieder dieser Vereinigung unheilbar geisteskrank oder wir haben es mit einer Gruppe von skrupellosen Hochstaplern zu tun, die bestens um die Schwäche unserer Zeitgenossen für Sensationen wissen ...“ Heinrich Thannhauser, davon unbeeindruckt, bot ihnen bereits ein Jahr später gemeinsam mit Pablo Picasso und Georges Braque erneut seine Räume an.
Heute findet man diese Künstler in Museen, auf Auktionen und vereinzelt in exklusiven Galerien. Und die saßen im Nachkriegs-München überwiegend in der Maximilianstraße. Raimund Thomas eröffnete 1964 seine gleichnamige Galerie direkt neben dem Hotel „Vier Jahreszeiten“ mit Werken deutscher Expressionisten – auch jenen, die damals als „Geisteskranke“ bezeichnet wurden. Fred Jahn vertritt deutsche Künstler der 60er Jahre wie Gerhard Richter und amerikanische des Post-Minimalismus. Die Galerie Pfefferle mit Schwerpunkt auf konzeptioneller Malerei zog unlängst von der Maximilianstraße in die umgebauten Räume einer alten Druckerei ins Gärtnerplatz-Viertel. Und folgte damit einem Trend der Galeristenszene, die begann sich auf einzelne Stadtviertel zu konzentrieren.
Kunstliebhabern gibt das die Möglichkeit, stadtteilbezogen einen hochinteressanten Spaziergang durch Münchner Galerien für zeitgenössische Kunst zu machen. Von Pfefferle in der Rumfordstraße wandert man über die Galerien Kampl, K4, Walser und Heitsch zu Wittenbrink in die Jahnstraße. Letztere hat den Trend der Zeit nach Schnelllebigkeit aufgegriffen und eine Dependance in den Fünf Höfen mit wöchentlich wechselnder Ausstellung eröffnet.
Wie zu Zeiten Kandinskys konzentriert sich die Kunstszene wieder auf das ehemalige Schwabing. Zwischen Odeonsplatz, Pinakotheken und Akademie haben sich rund 28 Galerien angesiedelt. Topgaleristin Six Friedrich hat sich gemeinsam mit Lisa Ungar auf lokale Matadoren wie Stephan Huber spezialisiert. Bernd Klüser, einer der ersten Förderer von Joseph Beuys und seit 40 Jahren in Schwabing, platzierte sich mit der Avantgarde gleich neben der Pinakothek der Modere ohne seine Stammräume in der Georgenstraße aufzugeben.
Im Lehel dominieren zwei Frauen mit ausgesuchten Programm: Barbara Gross trug entscheidend zur Präsenz der Kunst von Frauen in der Öffentlichkeit bei und Christine Mayer vertritt junge Shootingstars wie Andreas Hofer. Kunst ist alles was gefällt und dazu gehören auch die Schmuckunikate der Galerie Spektrum. Ganz der Fotografie verschrieben hat sich das Team von f5,6. Hier ist der Name bereits Programm.
Nach langer Sommerpause starten zur Open Art am zweiten September-Wochenende 65 Galerien mit aufregenden Ausstellungen in die Wintersaison. Kunstgenuss pur und die Gelegenheit, vielleicht den einen oder anderen Künstler für sich zu entdecken.
Von Karin Nagl
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