
In Beschreibungen verschiedenster Stadtführer findet der neugierige und unwissende München-Besucher über den Englischen Garten Ausdrücke wie „Grüne Lunge“, „Oase der Ruhe“, „weitläufiges Grün“. Aber auch „Touristenattraktion“, „Überfüllte Biergärten“ oder gar „Ärger mit Nackten“ ist in den diversen Berichterstattungen zu finden. Die Wahrheit ist: Alles trifft zu, so kurios das klingt. Denn dieser 3,7 Kilometer Quadratkilometer große Park im Herzen der Stadt ist ebenso vielschichtig wie München selbst.
Kurios ist schon die Entstehungsgeschichte Ende des 18. Jahrhunderts: Eigentlich war der spätere „Volksgarten“ als „Militärgarten“ geplant und zwar von keinem Geringeren als von dem damaligen Kriegsminister Graf Rumford, geboren als Sir Benjamin Thompson. Der gebürtige Amerikaner aus Massachusetts ließ den Garten nach dem Vorbild der damals sehr modernen Englischen Landschaftsarchitektur gestalten: Er ließ die sumpfigen Isarhöhen begrünen, Bäume pflanzen, Teiche graben und beauftragte für die weitere Ausführung zusammen mit Kurfürst Karl Theodor den Schwetzinger Hofgärtner Friedrich Ludwig Sckell, der die englische Landschaftsgärtnerei eingehend studiert hatte. Doch schon vor der Fertigstellung wurde der der Park als „öffentlicher Garten“ bezeichnet, der „nicht bloß einem Stande, sondern dem ganzen Volke zugute kommen“ sollte.
Und genau so ist es – nun mehr als 200 Jahre später - auch gekommen. Jeder findet hier sein Plätzchen – ganz nach Plaisir. Im südlichen Teil – beginnend am Haus der Kunst – wird gerne in den Biergärten am Chinesischen Turm oder im Seehaus am Kleinhesseloher See jener Münchner Eigenart gefrönt, die andernorts für Aufregung sorgen und sicher auf Ablehnung stoßen würde: Familien, Freunde ganze Betriebe verabreden sich an einem gewissen Punkt und kommen, mit großen, vollbeladenen Körben bepackt, an einem der - wohlgemerkt - ungedeckten Tische der Biergärten zusammen. Dort nämlich darf sich jeder seine „Brotzeit“ selbst mitbringen, die Getränke allerdings müssen gekauft werden.
Klar, dass ob solcher Bräuche die Augen der Touristen ganz groß werden. Noch größere Augen machen nichts ahnende Touristen jedoch bei der zwischen Monopteros und Japanischem Teehaus gelegenen Schönfeldwiese. Denn seit den 60er Jahren sind die Grünflächen im Englischen Garten vor dem Monopteros ein beliebter Aufenthaltsort für Anhänger der Freikörperkultur. Die Nackedeis am Eisbach sind für die Münchner inzwischen ein ganz normaler Anblick, man übersieht sie einfach und erfreut sich vom Monopteros aus an einem herrlichen Rundblick auf die Münchner Skyline und erinnert sich an die Zeile aus Eugen Roths „Lobrede auf den Englischen Garten“: „Der Liebe Flammen, riesengroß, umlodern den Monopteros...“
Während also im vorderen Teil des Englischen Gartens teilweise der Bär tobt, findet man Oasen der Ruhe und idyllische Plätzchen sowie landschaftsgeschützte Biotope im Nordteil. Dort trifft der Spaziergänger auf viele Hundebesitzer samt ihren Vierbeinern, auf galoppierende Pferde samt Reitern, aber auch äsende Schafe, die offiziell von der Schlösser- und Seenverwaltung als lebendige Mähwerkzeuge eingesetzt werden.
Von Inés Berber
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