Schon um drei Uhr morgens ist Herbert von zu Hause weggefahren. Den Bus voll bis oben bepackt mit Trödel aus Großmutters guter Stube. Als er in Riem ankommt, bauen die Ersten schon Tische und Kleiderständer auf. Herbert klappt seinen Tapeziertisch auf und legt die fein gefalteten Tischdecken neben Rasselwecker, nierenförmigen Aschenbecher und stoffbezogenem Radio. Am Nachbarstand links werden neben Hausrat Lederjacken ausgebreitet, rechts von ihm verkauft ein junger Typ DVDs, Platten und kleine Spieluhren. Herbert schenkt sich aus der Thermoskanne eine Tasse Kaffee ein.
Es ist kurz nach 6 Uhr und die ersten Jäger mit großen Taschen unterm Arm bevölkern den Riemer Trödelmarkt. Auf dem neuen Messegelände in Riem findet jeden Samstag der größte Münchner Flohmarkt statt. Was die Besucher hier besonders schätzen, ist die gelungene Mischung zwischen Privatleuten und Händlern.
München bietet Sammlern, Jägern und Schatzsuchern jeglicher Couleur reichlich Möglichkeit ihrer Leidenschaft zu frönen. Nahezu in jedem Stadtteil findet ein Flohmarkt statt: mal an markanten Plätzen wie der Münchener Freiheit, der Theresienwiese oder in Gaststätten und kirchlichen Einrichtungen. Im Sommer öffnen sich für ein Wochenende die Hoftore im Glockenbach, Schwabing und der Maxvorstadt und geben überraschende Einblicke in alltäglichen Hausrat. Das eigentliche Ereignis ist dabei nicht der Trödel, sondern die liebevoll begrünten Hinterhofoasen.
Wer um 6 Uhr morgens zum Flohmarkt kommt, ist ein Profi. Mit unstetem Blick, der selten lange an einem Stand verweilt, huschen die Jäger von Angebot zu Angebot. Manche setzen gar ein Pokerface auf. Herbert kennt diese vermeintlich harte Miene. Dann heißt es feilschen, dem Kunden die Ware nicht zu schnell überlassen, ihn bei Stange zu halten ohne sich selbst zu weit runterhandeln zu lassen. Etwas später kommen die Schatzsucher und Sammler. Sie bummeln durch die Reihen, lassen sich gern auf ein Schwätzchen ein, und feilschen weniger. Ihnen ist oft die Herkunft, die Geschichte des Wunschobjekts wichtiger.
Auf den Flohmärkten in Freimann und im Olympiapark gibt es Nützliches wie Skurriles zu moderaten Preisen. Neben der Rennbahn in Daglfing kann man bei Regenwetter auch in zwei Hallen zwischen Biedermeiermöbeln, Zinnkrügen, Münzen und edlem Glas schwelgen. Tradition hat der im Herbst stattfindende Antikmarkt am Nockherberg. Betuchte Kunden freuen sich an königlich-bayerischem Mobiliar sowie an Schönem aus der Gründerzeit.
Treffpunkte für Sammler sind Themenbörsen zu Elektronik, Uhren oder Modelleisenbahn. Die Elserhalle hat sich auf DVD, Comic und Actionfiguren spezialisiert und in der alten Mensa findet jährlich ein Gothic Markt statt. Etwas Besonderes ist die Auer Dult. Neben illustrem Jahrmarktstreiben bieten Tandler Bücher, antike Möbel und andere Raritäten rund um die Mariahilfkirche an.
Für Herbert hat sich der lange Tag gelohnt. Er hat ein Viertel seines Sammelsuriums verkauft und ist damit zufrieden. Von allen Märkten bevorzugt er Riem. Da hier der kitschbesessene Sammler wie auch der Tüftler mit kleinem Geldbeutel fündig wird.
Von Karin Nagl
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