„Platz da! Leute! Macht Platz für den Ritter und seine Edeldame!“, schallt es durch die Gassen. Fanfaren erklingen und die Menge tritt zur Seite, wenn hoch zu Ross der Ritter in glänzender Rüstung ein Edelfräulein im grün samtenen Kleid durch die Marktstraßen geleitet. Hübsch anzusehen sind die Fanfarenbläser in ihren roten Gewändern mit engen Beinkleidern – eben ganz so wie es vor einigen hundert Jahren Sitte war.
Einmal im Jahr wird bei Geltendorf in der Nähe des Ammersees für vier Wochen die Zeit zurückgedreht. Dann finden im Juli auf Schloss Kaltenberg Ritterturniere und ein spektakulärer mittelalterlicher Markt statt. Oberster Marktherr und Organisator der Ritterspiele ist Prinz Luitpold von Bayern.
Das Edelfräulein ist in Richtung Arena geritten vorbei an Papierschöpfern, Sattler und Schmiedewerkstätte. In den Gassen riecht es nach offenem Feuer, würzigen Kräutern, Schafwolle und feuchtem Leder. Eine Bademagd schrubbt einem Spielmann die Füße. Händler preisen laut ihre Ware an oder hocken auf Holzschemeln konzentriert über der Arbeit. Prinz Luitpold war es ein großes Anliegen Handwerkskunst zu zeigen, die an den mittelalterlichen Alltag erinnert. Pommes und Currywurst sucht man daher vergebens. Stattdessen duftet es verführerisch nach gebratenen Wachteln, gerösteten Kartoffeln und frisch gebackenem Brot.
Gaukler, Stelzengänger in buntem Federgewand und Moriskentänzer mischen sich unter die Besucher, die durch die Stände bummeln, sich im Bogenschießen üben oder des Falkners Tiere bewundern. Vor dem Theater staut sich eine Menschenmenge, die die deftigen Darbietungen der Schauspieltruppe bestaunt. Doch plötzlich läutet die Totenglocke, die Menschentraube vor der Bühne lichtet sich: Die Pest, grausig anzusehen, schreitet vorbei gefolgt vom Tod, dem eisiges Schweigen folgt.
Dessen ungeachtet erfüllt Schlachtenlärm die Arena, in der an Wochenenden wagemutige Ritter gegen dunkle Mächte kämpfen. Auf der Tribüne neben dem König sitzt das grün gewandete Edelfräulein und lauscht dem Turniermarschall. Auch Hexen und Zauberer sind in der Arena, wenn der Schwarze Ritter Einzug hält. Er ist obwohl böse, hinterhältig und unritterlich für viele Zuschauer Star des Turniers. Sattelfest muss er sein, wenn er im vollen Galopp Schwerter vom Boden einsammelt oder seine Lanze am Schild des feindlichen Ritters bricht. Und dass es gelingt, dafür sorgen französische Stuntmen mit ihren hervorragenden Pferden, die eine achtjährige Ausbildung durchlaufen haben.
Eine Nacht gehört allein den Gauklern. Dann erleuchten Kerzen und Fackeln den Markt von Kaltenberg. Und von überall ertönt mittelalterliche Musik, wenn für diese Nacht die Gaukler zum Fest der Sinne und Fantasie laden.
Das Edelfräulein gewährt dem Turniersieger ein wunderschönes Lächeln und der Marktherr freut sich über das zahlreich zu Kaltenberg strömende Volk. Denn heute wie damals kassiert er von jedem Besucher, der durchs Stadttor kam, reichlich Marktzölle. Wer sich weder davon, noch von Hexen, Pest und Feuer speienden Riesen abschrecken lässt, der verbringt einen herrlich angenehmen Tag im Mittelalter.
Von Karin Nagl
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