Gerade sieben Wochen nach dem geheimnisvollen Tod von König Ludwig II. wurde Schloss Neuschwanstein 1886 für Besucher geöffnet. Eigentlich hatte der „Kini“ den Ort als Refugium gedacht – schon bald aber wurde daraus eine der beliebtesten „Pilgerstätten“ Bayerns.
Die weltweite Popularität des Schlosses rührt zu großen Teilen aus der magischen Geschichte des Märchenkönigs. 1845 in München geboren und auf den Namen Otto Friedrich Wilhelm Ludwig getauft, entdeckte er früh seine Liebe zur Kunst und speziell zu den Opern Richard Wagners. Mit gerade mal 18 Jahren wurde Ludwig nach dem Tod seines Vaters Maximilian 1864 zum König von Bayern proklamiert. Er frönte den schönen Künsten für viele Geschmäcker über die Maßen und häufte dem heutigen Freistaat (erst seit 1918) durch seine Bauwut hohe Schulden an.
Die ersten Ideen für das Schloss schildert Ludwig in Briefen an Richard Wagner im Jahre 1868. Inspiriert wurde er unter anderem durch eine Reise zur Wartburg in Eisenach. Am 5. September 1869 wurde dann der Grundstein gelegt. 1880 feierte man das Richtfest für den Palas, bevor er 1884 bezogen werden konnte.
Ironischerweise starb Ludwig II. 1886 und bewohnte das Schloss nur knapp ein halbes Jahr. Die Umstände seines Todes sind nach wie vor ein Mysterium. Nach seiner Entmündigung am 9. Juni 1886 auf Betreiben der bayerischen Regierung wurde er auf Schloss Berg am Starnberger See (damals Würmsee) untergebracht. Am 13. Juni unternahm er mit dem Arzt Dr. von Gudden einen Spaziergang im Schlosspark, von dem sie nicht mehr wiederkehren sollten. Die offizielle Version besagt, dass der Arzt Ludwig von einem Selbstmordversuch abhalten wollte und dabei beide ertranken. Die Gerüchte reißen bis heute nicht ab, einzig das Kreuz im See an der vermeintlichen Unglücksstelle steht tief und fest.
Aber zurück zum Schloss: Es war beileibe nicht fertig gestellt zum Zeitpunkt von Ludwigs Ableben, lediglich ein Drittel der geplanten Räume. Danach wurden noch der Viereckturm und die Kemenate vereinfacht vollendet.
Aber der „Mondkönig“, wie er aufgrund seiner Neigung zur Nacht genannt wurde, hatte Innovation bewiesen. Für sein Refugium der poetischen Welt des Mittelalters benutzte er modernste Technik. So wurden die Räume des Palas über eine Heißluft-Zentralheizung erwärmt und alle Stockwerke verfügten über fließendes Wasser.
Ein anderes wiederkehrendes Element neben dem Mittelalter war dem König der Schwan. Als christliches Symbol der Reinheit, die er anstrebte, war der Schwan das Wappentier der Grafen von Schwangau, in deren Reihe sich Ludwig sah. Im Thronsaal ohne Thron lassen sich auch gut die religiösen und politischen Vorstellungen nachvollziehen: ein Königtum von Gottes Gnaden als heiliger Auftrag.
Das Schloss gilt als Sinnbild der Romantik und zählt 1,3 Millionen Besucher pro Jahr. Es werden neben den gängigen Führungen auch themenspezifische Touren zu den Sagenwelten angeboten. Es diente unter anderem als Drehort für zahlreiche Märchenfilme und steht wohl neben dem Oktoberfest weltweit für das originelle Bayern.
von Christopher Willis
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