Gaukler, Hexen, Fakire unterhalten Kurfürsten und Kaiser Maximilian I., der zum Reichstag nach Augsburg lädt. Die Bürger schlüpfen in Patriziergewänder, verkleiden sich als Marktfrauen und genießen Schmalzwerk und Schnupfnudeln. Die Augsburger, ihrer einstigen Bedeutung bewusst, zelebrieren dies leidenschaftlich. Was aber nicht heißt, dass sie jeden Bürger, der zum Ruhm der Stadt beitrug, auch schätzen. So erging es dem größten Dramatiker des 20. Jahrhunderts: Bertolt Brecht. Es scheint, die Augsburger konnten ihm bis heute nicht seine kommunistische Haltung und seine vernichtenden Theaterkritiken in der Schülerzeitung „Ernte“ verzeihen. Liest man Brecht, so stößt man immer wieder auf seine Heimatstadt und spürt seine tiefe Verbundenheit. Der „Steinerne Mann“, der seinen Schulweg kreuzte, hatte es ihm besonders angetan. Der kluge Augsburger vertrieb im 30-jährigen Krieg die Belagerer durch ein Täuschungsmanöver, indem er den letzten Brotlaib über die Mauer warf. Diese Legende findet sich in „Mutter Courage“ in Gestalt der „Stummen Kattrin“ wieder. Übrigens soll es Glück bringen, seine Nase zu reiben.
Augsburg, das bereits 15 v. Chr. als Militärlager Augusta Vindelicum gegründet wurde, erreichte seine Blütezeit im 15. und 16. Jh. durch tüchtige Kaufmannsfamilien wie Fugger und Welser. Der prächtige Rokokofestsaal im Schaetzlerpalais wurde sogar als „Augsburger Geschmack“ bezeichnet. Berühmtheiten wie der Maler Hans Holbein und der Komponist Leopold Mozart wuchsen in Augsburg auf. Rudolf Diesel konstruierte hier den ersten Diesel-Motor. Linde baute die erste Kältemaschine und Messerschmitt produzierte erstmals ein Düsenflugzeug in Serie.
Das Geburtshaus Brechts liegt im Lechviertel, einem von Kanälen durchzogenen idyllischen Handwerkerviertel hinter dem historischen Rathaus. In dem prunkvollen Goldenen Saal spielt die Gerichtsszene aus Brechts „Augsburger Kreidekreis“. Der Perlachturm neben dem Rathaus bietet eine herrliche Rundsicht und nur einen Katzensprung entfernt liegt die Fuggerei. Jakob Fugger der Reiche gründete 1521 mit seinen Brüdern die weltweit erste Sozialsiedlung. Sie umfasst 67 Häuser mit 140 Wohnungen, eine Kirche und einen Brunnen. Die aktuelle Jahresmiete beträgt einen rheinischen Gulden, kaum einen Euro.
Wer auf der Maximilianstraße flaniert, spürt den Glanz alter Zeiten. Kaiserin Sisis Bruder wohnte dort und wo sich abends im Julep’s (das Pendant zur Münchner Bar in der Breisacherstraße) die Szene trifft, steht das Zeughaus, einst Kornkammer, später Waffenarsenal. Ein Juwel der Straße ist das Stadtpalais der Fugger, in dem Mozart konzertierte, oder das Schaetzlerpalais, das heute Teile der Städtischen Museen beherbergt. Bewundern kann man dort Lukas Cranach d. Ä. und Hans Holbein d. Ä.
All diese Schätze und Persönlichkeiten machen Augsburg weit über Deutschland hinaus bekannt. Einzigartig und immer mit der Stadt verbunden bleibt die unverwechselbare Augsburger Puppenkiste. Marionetten wie Urmel, Jim Knopf oder Kater Mikesch sind selbst geschnitzt und tragen den Namen der Stadt in die Welt und in die Herzen der Menschen.
Von Karin Nagl
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